Zacapa Centenario XO 1976

Der Tropfen, der eine Lawine auslöste.

Es gibt Flaschen, die sind keine bloßen Spirituosen, sondern Meilensteine der eigenen Biografie. Der Zacapa XO von 1976 – damals in einer wunderschönen, tropfenförmigen Flasche präsentiert – kam 2002 zusammen mit dem legendären White Label auf den Markt. Ein echter, stolze 25 Jahre gereifter Rum. Ein Destillat, das die Rum-Welt nachhaltig veränderte – und ganz nebenbei eine persönliche Sammlerleidenschaft entfachte.

Als allererste selbst gekaufte Rum-Flasche setzte dieser XO die Messlatte allerdings gefährlich hoch. Wer die Reise mit einem Lamborghini beginnt, verdirbt sich schließlich ein wenig den Spaß an den darauffolgenden Mittelklassewagen. Die brennende Frage damals: Wenn dieser eine Rum schon so phänomenal ist, wie viele Schätze warten da draußen noch?

Im Nachhinein war dieser Einstieg jedoch ein Segen. Die großzügige, zugesetzte Süße war der perfekte Einstieg für einen unberührten Gaumen. Das Feuer war entfacht, die Sammelwut geweckt. Und wenn Rum zu solchen sensorischen Höchstleistungen fähig ist, mussten logischerweise auch die anderen Disziplinen erforscht werden. Es folgte eine tiefgehende Evolution quer durch die Welt von Whisk(e)y (mit Fokus auf Bourbon), Vodka, Gin, Portwein und den mexikanischen Favoriten Tequila und Mezcal – flankiert von einer stattlichen Sammlung an Mixspirituosen für die professionelle Bar.

Die Anatomie des süßen Giganten

Um den Elefanten im Raum direkt beim Namen zu nennen: Ja, allen Zacapas wird Zucker zugesetzt. Und das nicht zu knapp. Das Kunststück dieses Rums liegt jedoch darin, dass die Süße durch ein massives Aromengerüst aus Schokolade, Kaffee, Toffee, Karamell, Würze, Nuss und Frucht meisterhaft eingebunden wird. Sie wirkt nie deplatziert, sondern wie ein perfekt sitzender Anzug.

Hergestellt wird Zacapa in Guatemala von der Familie Botran. Das Fundament bildet dabei kein Saft und keine Melasse, sondern Sugar Cane Honey. Hierbei wird der frische Zuckerrohrsaft so lange behutsam einreduziert, bis er die optimale Konsistenz erreicht. Das Resultat: Eine geniale Symbiose aus frischen Zuckerrohrnoten und dunklem, intensivem Karamell.

Das Jahr 2008: Wenn Qualität der Quantität weicht

Früher war Zacapa ein exklusiver Geheimtipp, produziert in kleinen Mengen auf absolutem Spitzenniveau. Doch der weltweite Ruhm fordert irgendwann seinen Tribut. Um das Jahr 2008 schwenkte die Destillerie auf globale Massenproduktion um. Heute kauft das Unternehmen das Zuckerrohr fast aller Plantagen in Guatemala auf.

Mit der Skalierung änderte sich auch das Handwerk. Aus den festen Jahresangaben von 23 oder 25 Jahren wurde das weitaus flexiblere Solera-Verfahren. Plötzlich spricht man von Blends, die Komponenten von 6 bis 23 bzw. 6 bis 25 Jahren enthalten.

Ein direkter Quervergleich aller Epochen offenbart die bittere Wahrheit. In der historischen Aufstellung thronte das alte Black Label (mit Bast) einsam an der Spitze – ein absoluter Wahnsinn, der selbst den alten XO alt aussehen ließ. Der XO Platino (Conmemorativa) bewegte sich fast auf Augenhöhe mit dem legendären 76er, während das White Label mit minimal reduzierter Süße der perfekte Alltagsbegleiter war.

Das Fazit: Dollarzeichen vs. Nachhaltigkeit

Der Spruch „Früher war alles besser“ mag oft eine Floskel sein – auf Zacapa trifft er leider exakt zu. Und diese Entwicklung ist kein Einzelfall. Zu viele Produzenten in der Spirituosenwelt lassen sich heute von Dollarzeichen blenden und opfern die langfristige Qualität für den schnellen Massenabsatz.

Nichtsdestotrotz gebührt Zacapa ewiger Respekt. Er war der erste echte Premium-Rum auf dem Markt und hat das gesamte Segment überhaupt erst populär gemacht. Er wurde oft kopiert, aber selten erreicht. Marken wie Centenario aus Costa Rica veränderten unter diesem Einfluss ihren einst staubtrockenen Stil, und unabhängige Abfüller wie Oliver & Oliver wurden im Windschatten dieses Booms groß. Wenn sich also heute noch die Chance bietet, eine der alten Abfüllungen zu ergattern: Unbedingt zugreifen. Es ist die flüssige Erinnerung an eine Ära, als Qualität noch vor Quantität ging.

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